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"Die Rheinpfalz" vom 09.03.2013

Alle Rosen für die hübsche Ruth

Fischbach/Ludwigswinkel: Ruth Theysohn wäre heute 100 Jahre alt geworden – Vermögen in Stiftung ihres Mannes Daniel eingebracht

Von Brigitte Leyenberger-Schiel

Ruth TheysohnHeute würde Ruth Theysohn, die Ehefrau des Stiftungsgründers Daniel Theysohn, 100 Jahre alt. Die Ehrenbürgerin von Ludwigswinkel und Fischbach hat nicht nur den größten Teil ihres Vermögens in die Stiftung ihres Mannes eingebracht, sie war auch die erste pfälzische Weinkönigin.Geboren wurde Ruth Theysohn am 9. März 1913 in Pirmasens als die ältere von zwei Töchtern des Bremer Ingenieurs Wilhelm Bachrodt und seiner aus Pirmasens stammenden Frau Wilhelmine. Bachrodt war 1908 im Auftrag der AEG Berlin nach Pirmasens gekommen, um zwecks Erweiterung des dortigen Elektrizitätswerks, dessen Leitung er 1912 übernahm, auf der Biebermühle ein Dampfkraftwerk zu bauen. Als junge Frau absolvierte Ruth in Mannheim eine Ausbildung zur Säuglingsschwester.„Dass die erste Pfälzische Weinkönigin ausgerechnet aus der Schuhstadt Pirmasens stammt, ist der Liebe des jungen Unternehmers Daniel Theysohn zu verdanken“, erklärt die Stiftung. Der Juniorchef der Teha-Schuhfabrik hatte ein Auge auf die bildhübsche Ruth geworfen, man „poussierte“ sich, und als sie im Sommer 1931 mit ihrem Vater und der ein Jahr jüngeren Schwester Hildegard eine Tanzveranstaltung in Neustadt besuchte, bei der die Wahl der ersten pfälzischen Weinkönigin auf dem Programm stand, war auch Daniel vor Ort. Ein Kronrat aus „fünf angesehenen Herren“ sollte die Weinkönigin küren, indem sie den anwesenden jungen Damen, die ihnen besonders gut gefielen, eine Rose überreichten. Wer am Ende die meisten Rosen hatte, sollte Weinkönigin werden. Daniel Theysohn gehörte dem Kronrat nicht an, aber er kaufte kurzerhand alle Rosen im Saal und überreichte sie Ruth Bachrodt, die, um die Krone zu erringen, noch die Frage beantworten musste, was eine Weinkönigin „auf alle Fälle benötigt“. Ihre Antwort lautete: „Sie benötigt auf jeden Fall ein paar gute Schuhe, damit sie im Weinberg arbeiten kann.“ Mit dieser lebenspraktischen Antwort gewann sie nicht nur die Wahl, sondern, so geht es aus den Annalen der Stiftung hervor, auch endgültig das Herz des neun Jahre älteren Daniel Theysohn.

Ruth Theysohn

Der baldigen Eheschließung standen indes die politischen Umstände jener Zeit entgegen: 1933 wurde Ruths Vater von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben und inhaftiert, später von der Strafkammer in Zweibrücken jedoch freigesprochen. Erst am 13. August 1938 ließ sich das Paar in der Pirmasenser Johanniskirche trauen. Doch auch danach überschatten die politischen Verhältnisse ihr Leben. Ruths Schwester arbeitete in Berlin unter Admiral Canaris, der eine führende Rolle im militärischen Widerstand gegen Hitler spielte. 1944 gehörte sie zu den Personen, die im Zusammenhang mit dem am 20. Juli fehlgeschlagenen Attentat von Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg verhaftet wurden. Ihr weiteres Schicksal verliert sich im Chaos der letzten Kriegsmonate. Möglicherweise kam sie am 30. April 1945 bei einem Bombardement des Gefängnisses, in dem sie inhaftiert war, ums Leben. Auch ist ungeklärt, ob sie in den Widerstand gegen Hitler involviert war.

Nach dem Krieg gründeten Ruth und Daniel Theysohn gemeinsam mit dessen jüngerem Bruder Albert die Tehalit Kunststoffwerk GmbH mit dem Ziel, für die Schuhindustrie einen Ersatz für Oberleder zu schaffen. Weil der Kunststoff sich jedoch für die Produktion des Vorderblattes als ungeeignet erwies, verlegte man sich auf die Herstellung von Schuhrahmen aus PVC. Zugleich begannen sie mit der Produktion von Kabelkanälen. Aufgrund der großen Nachfrage wurde eine Erweiterung des Werks notwendig, was in Pirmasens jedoch nicht möglich war. 1957 verlagerten die Theysohns das Kunststoffwerk nach Heltersberg und verkauften die Schuhfabrik an die Firma Salamander.

Schon kurz nach dem Krieg hatte Daniel Theysohn am Saarbacherhammer zwischen Ludwigswinkel und Fischbach ein Wochenendhaus gebaut. Dort wohnte das Ehepaar ab den 1960er Jahren. Beide liebten das beschauliche Leben auf diesem Flecken, wo sie ihre Verbundenheit mit Natur und Tieren genießen konnten. Angesichts der bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen damals die Menschen im Sauertal lebten, konnten die meisten ihren Kindern keine fundierte Ausbildung ermöglichen. Gemeinsam beschloss das Ehepaar Theysohn, das selbst ungewollt kinderlos geblieben war, eine Stiftung zu gründen, um diesen jungen Menschen Ausbildungswege zugänglich zu machen. Mit einer viertel Million D-Mark wurde am 20. Mai 1970 die „Daniel-Theysohn-Stiftung“ gegründet. Sowohl Daniel als auch Ruth Theysohn erklärten, dass ihre Tehalit-Anteile nach ihrem Tod in das Stiftungsvermögen übergehen sollen.

Daniel Theysohn starb am 27. Juni 1980. Seine Frau blieb allein am Saarbacherhammer, wo sie bis zu ihrem Tod am 5. März 1997 sehr zurückgezogen lebte. Ihre letzte Ruhestätte fanden die beiden, denen Ludwigswinkel und Fischbach noch zu ihren Lebzeiten die Ehrenbürgerwürde verliehen, auf dem Friedhof Ludwigswinkel. Das unauffällige Grab schmückt ein schlichter Findling.


Zur Sache: Was die Theysohn-Stiftung leistet

Bereits als junger Mann übernahm der am 18. Juni 1904 in Pirmasens geborene Daniel Theysohn die Schuhfabrik seiner Eltern. Nachdem sie im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, baute er sie nach dem Krieg gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Albert wieder auf und beschäftigte bis zu 200 Mitarbeiter.

Früh ahnend, dass die Schuhfertigung in Pirmasens rückläufig werden könnte, schufen sich die Brüder mit Kunststoffverarbeitung ein zweites Standbein, indem sie 1946 die Firma Tehalit gründeten und sie neben der Teha-Schuhfabrik als selbstständigen Betrieb führten. 1956 verkauften sie die Schuhfabrik an „Salamander“ und siedelten mit Tehalit nach Heltersberg über, wo sich das Unternehmen in den folgenden fünf Jahrzehnten zum europäischen Marktführer für Elektroinstallationskanalsysteme aus Kunststoff entwickelte.

Privat sesshaft geworden zwischen Ludwigswinkel und Fischbach, unterhielt das Ehepaar Daniel und Ruth Theysohn nicht nur gute Kontakte zur dortigen Bevölkerung, sondern gewährte auch den beiden Gemeinden bei vielen Projekten finanzielle Unterstützung. Mehrfach kündigte Daniel Theysohn an, er werde „noch etwas ganz Großes“ für sie tun. Angesichts vieler begabter Kinder im Sauertal, die oft aufgrund fehlender finanzieller Mittel der Eltern nach der Volksschule beruflich in Schuhfabriken landeten, gründete das Ehepaar am 20. Mai 1970 die Daniel-Theysohn-Stiftung und stattete sie zunächst mit 250.000 D-Mark Stiftungskapital aus. Mit dem Ertrag wurde die schulische und berufliche Ausbildung begabter Jugendlicher aus den Gemeinden Ludwigswinkel und Fischbach gefördert. Als die Theysohns erkannten, dass die Mittel nicht ausreichten, um alle begabten Jugendlichen zu unterstützen, bestimmten beide Ehepartner kurz vor Daniel Theysohns Tod 1980, dass nach ihrem Ableben ihre Anteile an der Firma Tehalit in die Stiftung fließen sollen. Gleichzeitig verfügten sie eine Erweiterung der Förderzwecke.

Heute unterstützt die Stiftung neben den Jugendlichen aus den Gemeinden Ludwigswinkel, Fischbach, Heltersberg, Waldfischbach-Burgalben, Geiselberg und Schmalenberg auch Projekte, die allen Menschen der Region zu Gute kommen, aus den Bereichen Umweltschutz, Naturschutz und Landschaftspflege, Tierschutz, Denkmalschutz und Denkmalpflege, Sport, Heimatpflege und Heimatkunde.

Seit ihrer Gründung schüttete die Stiftung über 70 Millionen Euro an Fördermitteln aus.

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